Terminologie – Wer hat den Hut auf? [Westernausgabe]

Terminologie HutBad Segeberg, 9 Uhr, die Sonne brennt.

Johnny
ist Chef der Konstruktion in der Toasterfabrik. Wie jeden ersten Montag im Monat war er auf dem Weg zur großen Besprechung. Eine konstruktive Änderung wurde vorgenommen, sodass der Toastvorgang nicht mehr mit dem Einrasthebel, sondern mit einer eigenen Drucktaste abgebrochen wird. Zu oft schon war der Koch im Saloon mit dem Ärmel am Gerät hängen geblieben und hatte dabei den umgefallenen Toaster zu nah ans angrenzende Spülbecken gebracht.

Clint begrüßte ihn gut gelaunt am Versammlungstisch. Der Technische Redakteur hatte den Saloon gebucht, weil er zwecks Usability Testing sowieso noch mit dem Koch reden musste.

Johnny pinnte die Konstruktionszeichnungen an die staubige Bretterwand. „Hier befindet sich die neue Drucktaste. Abbruch über den Einrasthebel ist nicht länger nötig.“

„Einrasthebel?“, wunderte sich Henry aus der Vertriebsabteilung.

„Er meint die Absenktaste“, sagte Clint und nahm augenrollend einen Schluck Whiskey, um seine Nerven zu beruhigen. Wie oft hatte er dieses Gespräch schon geführt.

„Nun, es ist ein Hebel, der einrastet“, grummelte Johnny.

„Für die Benutzer ist es die Taste, die den Toast absenkt“, erwiderte Clint und nahm einen zweiten Schluck.

Henry, der inzwischen seine Füße auf dem Tisch geparkt hatte und Dollarbündel zählte, mischte sich ins Streitgespräch ein: „Ich war sowieso immer schon der Meinung, man sollte das Teil ‚der Vollstrecker‘ nennen.“

Fassungslose Gesichter starrten Henry an. Eine Steppenhexe wehte vorbei.

„Ja, überlegt doch mal! Sowas lässt sich bei Produktpräsentationen doch viel besser verkaufen … ‚der Vollstrecker schickt Ihren Toast in die feurig-heiße Hölle hinab bis er schön geröstet ist‘ … die Cowboys stehen auf Nervenkitzel … Noch nie was von Corporate Language gehört? Wir sollten das alles mal an den Zeitgeist anpassen.“

12 Uhr mittags: Showdown
Plötzlich flogen die Saloontüren geräuschvoll auf und eine im Gegenlicht kaum erkennbare Gestalt feuerte zwei Schüsse in die Luft. „Bestehende Terminologie wird nicht geändert!“, verkündete sie. Der goldene Sheriffstern leuchtete eindrucksvoll an ihrem Hut. Sie kam herüber, beugte sich runter zu Clint und vergewisserte sich: „‚Absenktaste‘ steht doch sicher schon in allen Dokumenten?“ Clint nickte eifrig.

„Und Sie sind?“, fragte Henry herausfordernd.

Bonny, Terminologin und die Lösung all Ihrer Probleme.“

Sie setzte sich und lächelte als sie sagte: „Und jetzt kümmern wir uns erst einmal um die neue Drucktaste.“

 

Epilog
Unsere Westernfiguren, die die einzelnen Abteilungen repräsentieren, sind natürlich überzeichnet. Aber sie illustrieren, dass es verschiedene Sichtweisen und Motivationen geben kann, wie etwas benannt werden sollte. Konsistente Terminologie ist wichtig, um die firmeneigene Kommunikation zu vereinfachen. Alle relevanten Abteilungen sollten sich einbringen dürfen, aber am Ende muss jemand stehen, der den (Sheriff-)Hut auf hat. Diese Person muss sich darum kümmern, dass Benennungen funktional und konsistent gebildet sind. Sie muss dafür sorgen, dass (neue) Termini früh durchdacht und festgelegt werden. Terminologie-Änderungen verursachen Aufwand. Ganz besonders gilt das, wenn auch noch Übersetzungen in mehrere Sprachen eine Rolle spielen (auch für jede Sprache muss eine geeignete Person den Hut auf haben). Änderungen am Ausgangstext verhindern 100 %-Treffer aus Translation Memorys (TM). Änderungen an fremdsprachiger Terminologie müssten im gesamten TM-Bestand gemacht werden; bei modularen Updates alter Handbücher käme es zu Terminologie-Chaos.

Wer grundlos nachträglich ändert oder ständig ändert, schießt sich ins eigene Bein.

[Anmerkung der Autorin: Es hat sich gezeigt, dass Besprechungen ohne Whiskey und Feuerwaffen produktiver ausfallen.]

[von Sandra Bulla]