Herbstliche Terminologie – Windkraftanlagen Teil 2

Als ich anlässlich des ersten Teils unserer herbstlichen Terminologie nach einigen Jahren mal wieder einen Blick in meine Masterarbeit warf, fiel mir sofort wieder ein, wie hilfreich ein Begriffssystem für die übersichtliche Darstellung von Terminologie sein kann.

Was ein Begriffssystem ist? Das lässt sich recht einfach anhand von zwei kleinen Beispielen zeigen:

Begriffssysteme stellen Begriffe und ihre Beziehung untereinander dar. Es gibt Abstraktionssysteme und Bestandssysteme sowie Mischformen der beiden. Eine Abstraktionsbeziehung besteht zwischen einem Oberbegriff und seinem Unterbegriff bzw. seinen Unterbegriffen auf gleicher Stufe.

Das dargestellte Begriffssystem dient nur der Veranschaulichung und ist nicht vollständig.

Abstraktionsbeziehungen werden mithilfe von Winkeldiagrammen dargestellt, wobei die Übersichtlichkeit eine große Rolle spielt.

Bei einem Winkeldiagramm gehen von einem Oberbegriff fächerförmig so viele Linien ab, wie der betreffende Begriff Unterbegriffe hat. Ein Beispiel für ein Abstraktionssystem ist das links dargestellte zweisprachige Begriffssystem.

 

Der Oberbegriff Windkraftanlage wird hier anhand bestimmter Kriterien in Unterbegriffe aufgeteilt. Begriffssysteme bilden die sprachliche Wirklichkeit übersichtlich ab.

Das dargestellte Begriffssystem dient nur der Veranschaulichung und ist nicht vollständig.

Eine Bestandsbeziehung wird im folgenden Begriffssystem dargestellt. Bestandsbeziehungen beruhen auf der Beziehung des Ganzen zu seinen einzelnen Teilen. Für die grafische Darstellung werden Klammerdiagramme verwendet, an die jeder Teilbegriff durch einen zur Klammer senkrechten Strich angeschlossen wird.

 

 

Für Terminologieanfänger sei hinzugefügt, dass im Sprachwissenschaftsuniversum das Wort „Begriff“ die Bedeutung von Konzept/Idee hat und die sprachliche Darstellung, also die Buchstabenfolge als „Benennung“ bezeichnet wird. Da Begriffe also als Denkeinheiten zu verstehen sind, sind sie auch nicht an einzelne Sprachen gebunden. Sie sind allerdings vom jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund der Sprachgemeinschaft beeinflusst. Nehmen wir einmal das häufig verwendete Beispiel „Hammer“. Wenn wir an einen Hammer denken, haben wir das typische Bild eines Schlosserhammers im Kopf:

Denkt ein Amerikaner oder ein Brite an einen „hammer“, hat er einen Klauenhammer als Prototypen vor Augen:

Der Unterschied zwischen den beiden Hammertypen besteht darin, dass man mit dem typischen englischen Hammer Nägel nicht nur einschlagen, sondern auch herausziehen kann. Mit dem typischen deutschen Schlosserhammer ist das Herausziehen von Nägeln nicht möglich.

Ein Begriffssystem zeigt also Beziehungen zwischen Begriffen und seine jeweiligen Benennungen. Terminologen und Übersetzer verwenden Begriffssysteme, um den Fachwortschatz einer Sprache abzubilden, ihn mit dem Fachwortschatz anderer Sprachen zu vergleichen und dann ggf. solche Beispiele wie mit dem Hammer herauszuarbeiten. Für die Übersetzung ins Deutsche bedeutet unser Beispiel, dass „Remove the nails using a hammer“ umgeschrieben werden muss.

Als Technischer Redakteur hat man ja leider oft nicht die nötige Zeit, das so schön übersichtlich darzustellen. Falls Sie jetzt trotzdem Lust bekommen haben, versuchen Sie doch einmal zum Einstieg ein kleines Begriffssystem zu erstellen, z. B.  ein Bestandssystem zu einer kleinen Komponente Ihrer Produkte. Durch die bildliche Darstellung können Sie leichter erfassen, ob Sie alle nötigen Termini zu einem technischen System aufgelistet haben. Das ist einfacher (und macht mehr Spaß) als seitenweise nur Teilelisten u. Ä. durchzublättern. Zudem kann man Begriffssysteme nutzen, um dem Chef mal zu zeigen, wie viele Synonyme sich zu einem Begriff schon in der Firma angesammelt haben. Vielleicht springt ein höheres Budget für Terminologiearbeit dabei heraus ;-).

Wir wünschen Ihnen auf jeden Fall gutes Gelingen und viel Wind in den Segeln bei Ihrer Terminologiearbeit!